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Rob Zwartjes (8. Dan Wado Ryu, 6. Dan Kobu Jutsu, 2. Dan Judo)
- Ansichten einer Kampfkunst-Koryphäe
Rob Zwartjes, in den 70er Jahren äusserst erfolgreicher Nationaltrainer der Niederlande, absolvierte nach seinem Berufsleben als Gymnasiallehrer für Mathematik erfolgreich ein Philosphie-Studium in Holland. Der erste Schüler von Teruo Kono und Gründer der Wado-Stilrichtung vor vier Jahrzehnten in unserem Nachbarland, war fünf Jahre in der Technischen Kommission des Weltkarateverband WKF. Seit seinem 14. Lebensjahr Kampfsport betreibend, ist der mittlerweile über Siebzigjährige seit langem ein begehrter Lehrgangsleiter in Europa und gelegentlich den USA. Wenn Rob Zwartjes mal nicht im Gi aktiv ist, macht er sich in seinem Haus in Südfrankreich Gedanken über die Zukunft des Karate. Lesen Sie hier die interessanten Ansichten eines sympathtischen, kampfkunsterfahrenenen Philosophen.

Wenn du das Rad der Zeit zurück drehen könntest, was würdest du in deinem Leben anders machen?

Über diese Frage muss ich nicht lange nachdenken. Ich bin mit meinem Leben so zufrieden, wie es verlaufen ist und würde darum auch nichts anders machen.

 

Warum hast du nach deiner Pensionierung nochmals ein Studium der Philosophie begonnen und erfolgreich abgeschlossen?

Als Jugendlicher habe ich ein Buch geschenkt bekommen, welches sich mit philosophischen Fragestellungen beschäftigte und mich damals sehr fasziniert hat. Die dadurch geweckte Begeisterung für die Philosophie hat mein Leben lang angehalten. Nach meiner Pensionierung konnte ich mich endlich darauf konzentrieren und den Jahrzehnte lang gehegten Wunsch nach einem entsprechenden Studium schließlich verwirklichen.  

 

Was hat dich im Philosphie-Studium am meisten beeindruckt?

Am beeindruckensten ist für mich nach wie vor der Vergleich zwischen östlicher und westlicher Philosophie. Aber auch die Beschäftigung mit deutschen Philosophen ist hochinteressant. Die westliche Philosophie sucht im Wesentlichen die objektiven, für jedermann nachvollziehbaren Wahrheiten. Im Gegensatz hierzu steht die östliche, chinesisch-japanische Philosophie, die mehr einer Lebensphilosophie entspricht. Sie sucht Wege, den Menschen mit sich selber ins Gleichgewicht zu bringen. Hierzu betrachtet sie einerseits das Verhältnis des einzelnen Individuums zur Gesellschaft, versucht andererseits aber auch, die Gesellschaft in Harmonie zu bringen. Des weiteren ist für mich der Zusammenhang zwischen Gewalt und Ethik bzw. Moral ein sehr wichtiger Aspekt.

 

Betrachtest du die Welt und deine Mitmenschen jetzt mit anderen Augen, verständnisvoller beispielsweise?

Im Laufe des Lebens ändert der Mensch seine Betrachtungsweise. Man denkt in jedem Alter anders. Denkt, um des Denkens Willen und braucht dazu kein Philosphiestudium. Über viele Dinge denke ich noch immer nach.

Inwiefern stellt die Philosophie für dich eine Bereicherung deines Lebens und deiner Arbeit als Karate-Trainer dar? 

Meine Arbeit als Karate-Trainer wurde durch theoretische Überlegungen zu den Themen Angst und Aggression bereichert. Andererseits wurde mein Philosophie-Studium durch die eigenen körperlichen Budo-Erfahrungen ergänzt. Die Philosophie hat somit mein Leben und meine Arbeit als Trainer reicher gemacht. Ich habe gelernt, Ängste und Aggressionen besser zu verstehen und damit besser umzugehen. Habe über Karate nachgedacht und berücksichtige seitdem philosophische Aspekte bei meinem Training.

Was verbindest du mit dem Satz von Descartes: „Ich denke, also bin ich“?

Ich bin nicht nur ein denkendes Wesen.

Welche Charaktereigenschaften schätzt du am meisten, und was gefällt dir gar nicht?

Nächstenliebe, seine Mitmenschen zu lieben, schätze ich sehr. Andererseits gefällt es mir nicht, wenn jemand zu sehr von sich überzeugt ist und man mit ihm nicht mehr reden kann, weil er für Sachargumente unzugänglich ist. 

Was wünscht du dir zu Gunsten der Allgemeinheit am meisten?

Frieden für die Welt, denn den kann man mit keinem Geld kaufen, nur vom Kopf und Herzen her wollen.

Wie verbringst du deine Freizeit in deinem Ferienhaus in Südfrankreich?

Ich geniesse die Natur, trainiere viel für mich selber und beschäftige mich weiterhin mit der Philosophie. Ein Wissensgebiet, in dem man nie auslernt und über welches ich auch weiterhin in der DKV-Zeitung berichten möchte.

Du warst fünf Jahre Mitglied der Technischen Kommission des Weltkarateverband WKF. Womit beschäftigt sich die Technische Kommission?

Die Technische Kommission legt fest, was Karate genau beinhaltet. Was eine Kata ist oder wann im Wettkampf beispielsweise ein Punkt zu geben ist. Ebenso beschäftigt sich die Technische Kommission mit der Frage, wodurch Karate für Zuschauer und Medien attraktiv wird.

Was sollte der DKV in werblicher oder öffentlichkeitswirksamer Hinsicht tun, um verstärkt Meinungsführer und Entscheidungsträger des alltäglichen Lebens für Karate zu begeistern?

Anders als in Japan, ist Karate in Deutschland kein Bestandteil der Kultur. Hier muss sinnlose Gewalt eindeutig abgelehnt und von positiver Gewalt, wie beim Polizeieinsatz gegen Kriminelle, abgegrenzt werden. Karate sollte alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen ansprechen, und insbesondere auf Selbstverteidigung muss verstärkt Wert gelegt werden. Die uralte Kampfkunst und deren Vielfältigkeit sollte realistisch dargestellt und die philosophischen Wurzeln beschrieben werden. Deutlich gemacht werden muss auch, das Karate zwar kein Wundermittel gegen Angreifer ist, aber einerseits das Selbstvertrauen fördert und andererseits dennoch eine wirksame körperliche Verteidigung auch für schwache Menschen darstellt.

Neue Trendsportarten haben gewaltigen Zulauf. Liegt bei einer „Spaßgesellschaft“ mit wachsender Freizeitorientierung der Schlüssel zu Mitgliederzuwächsen im Stiloffenen Karate?

Stiloffenes Karate, zusätzlich zu den bereits bestehenden traditionellen Stilrichtungen, eröffnet meiner Meinung nach die Möglichkeit, mehr Menschen für Karate zu begeistern und in die Vereine zu holen. 

Welchen Ratschlag möchtest du jungen Menschen mit auf ihren Lebensweg geben?

Der Weise rät weder zu noch ab, aber ich bin kein Weiser. Darum gebe ich folgenden Ratschlag: Entwickle deine Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Ernst und Freude, genieße dein Leben und suche immer das Gute in dir und deinen Mitmenschen.

 
Für das interessante Gespräch danken Nazan Acemoglu und Wolfgang Adamek.  


Wolfgang Adamek

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